Jorma bei uns!

 

Mitte November besuchte Jorma Lyly aus Schweden, 6. Dan Aikikai, wieder die Kaltenkirchener Aikidoka, um ein gemeinsames Trainingswochenende zu verbringen. Die große Turnhalle mit 260 m² Mattenfläche bot 45 Seminar-Teilnehmern genügend Raum für ein Miteinander.

Aus allen Ecken Deutschlands fanden sich hier Begeisterte, auch die Mischung stimmte: Vom 5. Kyu bis zum 4. Dan war alles vertreten. Eine offene und gut gelaunte Stimmung ergab sich von ganz allein.

Erwartungsvoll begangen wir mit der Bokkenarbeit. Der erste Trainingspartner blieb uns ausnahmsweise für die Einheit gänzlich erhalten; die Einschätzung des Gegenübers fiel dadurch leichter. Jorma wies immer wieder darauf hin, dass sich niemand von dem Eindruck der „Einfachheit“ einer Übung blenden lassen solle. Denn gerade das Einfache besaß unzählige Komponenten, die erst stimmen mussten, um diesen Eindruck zu hinterlassen. Mit Systematik und Ruhe erklärte er die Abfolgen und ging von der ersten Minute an durch die Reihen. Er wollte den Trainierenden das Erfühlen, das Erfahren, das „Erhalten“ eines perfekten Angriffs oder einer perfekten Verteidigung selbst spüren lassen. Aikido lässt sich im Grunde am besten lernen, wenn ein Erfahrener es schafft, ein Gefühl zu vermitteln, das das „Bild“ der Form in sich trägt. Dieses Bild war dann das Konstrukt, das den Lernenden den Weg für die eigene Ausführung zeigte.

Jormas Aikido-Stil war ausgeprägt, komprimiert und fand auf mehreren Ebenen statt. Ein Betrachter fragte sich nicht selten, wie er es denn nun wirklich mache, schließlich war kaum etwas zu sehn. Doch das Ergebnis ließ sich nicht wegdiskutieren; der Angreifer lag in Null-Komma-Nichts auf der Matte.

Als ich mit einer Fortgeschrittenen trainierte, erzählte sie von ihrem Bild, das ihr half, die durchgehende Zentrumsarbeit mit den Bewegungen zu verbinden: Es ging für sie darum, die umgebenden Sphären jedes Einzelnen zu berücksichtigen. Wenn zwei miteinander trainierten, dann trafen diese runden Außenbereiche aufeinander; es galt dann, keinen der beiden Bereiche zu zerstören, sondern diese in einem vollendeten Miteinander arbeiten zu lassen. Im Grunde war es dann unerheblich, wer die Technik ausführte, denn beide Aikidoka gaben die Hälfte zum Gelingen.

Das Bild gefiel mir, denn es beschrieb für mich haargenau den Kern der an diesem Wochenende vermittelten Übungen. Im steter Achtsamkeit galt es das Wesentliche in jeder Sekunde zu erfassen: Wo befand sich mein Angreifer? Wo war sein Schwerpunkt und wie konnte dieser ins Wanken gebracht werden? Wie konnte ich meine Energie ohne Verluste zum Kippen meines Gegenübers einsetzen? Gab ich meinem Angreifer alle Aufmerksamkeit, die nicht nur die Situation benötigte, sondern die auch mein Trainingspartner verdiente?

Es war ein überreiches Wochenende mit vielen netten Leuten und einem tollen Trainer. Wir freuen uns schon jetzt auf die nächste Gelegenheit im neuen Jahr!

Christine