Neujahrslehrgang m. Alfred Haase „The point of no return“

Es könnte ein Rätsel sein, von denen es unzählige gibt und für deren Beantwortung ich immer viel zu lange brauchte. Wenn ich dann das gesuchte Ergebnis erfuhr, erschien mir die Antwort total klar; wahrscheinlich fehlte mir eine gewisse zielgerichtete Logik. Nun stand ich auf der Matte und dachte über das nach, was ich nicht sah und was trotzdem existierte, denn ein Angreifer veränderte aufgrund dessen von gleich auf jetzt seine Perspektive. Wenn ich etwas nicht mit den Augen betrachten konnte, musste ich auf mein Gefühl zurückgreifen, um es irgendwie erfassen zu können. Im Grunde war es etwas Unglaubliches: Ein Mensch berücksichtigte etwas nicht Greifbares und manifestierte damit diese Sache in der Realität. So funktionierte Zauberei oder Kunst! Die Logik lag dann nicht in der Folgerichtigkeit einer Addition wie 2 + 2 = 4, sondern eher in einem x + y = 4. Das war schon für Fortgeschrittene. Die Faust meines Angreifers zielte auf mein Kinn. Es galt nun an ihr vorbei zu huschen, ohne Druck und ohne Veränderung der Impulsrichtung. Unser Lehrer wies darauf hin, dass es wichtig sei, keinerlei Anspannung oder Anstrengung aufkommen zu lassen. Die Bewegung  des Verteidigers sollte eine „freundliche Aktion“ bleiben, die am besten kaum bemerkbar von statten ging. Diese absolut freundliche Geste verbanden wir dann mit einer kleinen Einladung zur Aufmerksamkeit, indem dem Angreifer dabei kurz die Hand auf die Schulter gelegt wurde. Allein diese Sequenz demonstrierte das Augenmerk: Es sollte mühelos sein, es sollte keine Kraft ausgeübt werden und es sollte ohne große verschwenderische Bewegungen ein Effekt sichtbar sein. So zeigte der Verteidiger nur noch netterweise die herabführende Richtung und pointierte damit den Ort des Aufpralls. Gespannt betrachtete ich Alfreds Vorführung. Es sah wirklich mühelos aus und in seiner ruhigen Art empfand ich es auch wirklich „freundlich“, obwohl der Angreifer mit einem lauten Knall und einem überraschten Ausruf auf der Matte landete. Im langsamen Bewegungs-Modus des Lernens meinte ich alles gut erkennen zu können, aber im Modus des Kampfes sah ich nur einen Wimpernschlag mit Rieseneffekt. Aber wo lag nun der Kern, der ausschlaggebende Punkt? Es war die „Fassungslosigkeit“ im wahrsten Sinne des Wortes, die den Angreifer überkam. Ihm wurde die innere Standfestigkeit genommen, indem er sich auf einen Ort zubewegen musste, der seiner Ergonomie nicht entsprach: der tote Punkt. Es war ein Unvermögen, das der Verteidiger voll und ganz ausnutzte, um den Sieg mit natürlichen Kräften zu erlangen. Vielleicht lag auch gerade in dieser „Natürlichkeit“ der Überraschungseffekt für den Besiegten. Sie war der Wolf im Schafspelz. Gedanklich ließ sich der Punkt ungefähr orten; es gab einen außerhalb unseres Körpers auf der Vorderseite und einen auf der Rückseite; ähnlich einem dreibeinigen Hocker, dem das dritte Bein fehlte. Der ganz genaue Ort ließ sich nicht wirklich bestimmen, denn er war beeinflussbar: Der Winkel des Aufeinandertreffens, die Impulsrichtung des Angriffs und letztendlich die Spannung des Angreifers, die er entgegenbrachte, um seine eigenen Interessen durchsetzen zu können. So etwas ließ sich in einem Mini-Moment nicht berechnen. Da half nur Intuition und Erfahrung, deren Aufbau dem Topfschlagen aus Kindertagen glich: Kalt, kalt, kalt, warm, wärmer und irgendwann fand sich der Schatz mit den Bonbons, die auf uns warteten. Die Kampfkunst ließ etwas sichtbar werden, was sonst in seiner nicht fassbaren Existenz dahin dümpelte. Aus dem Nichts bewegte sie die Welt und wer um des Rätsels Lösung wusste, der erkannte, dass das „Nichts“ ein „Alles“ sein konnte.

Christine F. Behrens

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Trainer: Alfred Haase, 5. Dan

Zum Titel: engl. Punkt ohne Wiederkehr, hier: die einmal eingeschlagene Richtung lässt sich für den Angreifer nicht mehr verändern, er muss den Weg gehen.